Sozialwissenschaft/Gesellschaft/Umwelt Die Entdeckung der Langsamkeit "Man kommt immer schneller dort an, wo man immer kürzer bleibt." Diese Beobachtung des Wuppertaler Sozialwissenschaftlers Wolfgang Sachs macht nachdenklich. Denn viele Menschen werden sich in diesem Szenario wiedererkennen, "sind sie doch von dem Wahn befallen, in immer weniger Zeit immer mehr erleben zu wollen". Dabei wüßten sie nicht, daß dieses Tempo schon allein deshalb unmenschlich, weil physiologisch nicht durchzuhalten, sei, sagt Sachs. Eine andere kontraproduktive Seite der Beschleunigung sieht Sachs darin, daß "sie gleichgültig macht für das Hier und Jetzt" und damit "der Feind von gelungener Gegenwart" sei. Sachs kann sich jedoch vorstellen, daß sich wachsendes Krisenbewußtsein in der Wirtschafts-, Sozial- und Umweltpolitik als Chance erweise, "die Bedächtigkeit neu zu entdecken und wieder bewußter zu leben", sagte er der Deutschen Presse-Agentur am Rande einer Vortragsveranstaltung in Münster. Der Soziologe gehört der Arbeitsgruppe "Neue Wohlstandsmodelle" am Wuppertaler Institut für Klima, Umwelt und Energie an. Der 48jährige sieht schon Ansätze einer Verhaltensänderung. Politisch spiegele sich der Trend in der sogenannten Nulloption wider. Geschwindigkeitsbegrenzungen von 200 Stundenkilometern für Züge, die Herstellung von Autos, die nicht schneller als Tempo 100 führen, seien Indizien für eine mögliche gesamtgesellschaftliche Neuorientierung. Auch die Kommunalpolitik habe die Zeichen der Zeit offenbar erkannt. Jedenfalls würden allenthalben Modelle einer offenen Verwaltung und Konzepte zur Beruhigung des Verkehrs getestet. Das findet Sachs gut, weil es einfach widersinnig wäre, "uns weiterhin Tempomobile mit Beschleunigungswerten anzubieten, als ob wir jeden Tag ein Langstreckenrennen auf der Autobahn durchzustehen hätten". Tatsächlich verbringe doch ein Auto im Schnitt 80 Prozent seiner Betriebszeit im Stadtverkehr bei Geschwindigkeiten von zehn bis 25 Stundenkilometern. Tempomobile in den Stadtverkehr zu schicken, sei "ebenso rational wie Butter mit der Kreissäge zu schneiden". Der wachsende Widerstand der Menschen gegen den zwanghaften Vollzug der Ideale von gestern äußere sich auch in einem "neuen Interesse für Langsamkeit, das unter dem Firnis des offiziellen Beschleunigungzwangs wächst". Das hänge mit dem Bestreben zusammen, sich aufmerksamer und großzügiger den Situationen des Alltags zu stellen. Der Geschmack für Gemächlichkeit bildet sich nach Sachsens Ansicht in der Liebe zur Gegenwart aus. "Intensität führt von selbst zur Verlangsamung." Wer Herr seiner Wünsche bleiben wolle, werde das Vergnügen entdecken, Kaufmöglichkeiten "systematisch nicht wahrzunehmen". Im bewußten Desinteresse für zuviel Konsum sieht Sachs "eine zukunftsfähige Haltung", die zu einem neuen Freiheitsgefühl führe. Mit der Freiheit indessen sei das "so eine Sache", solange die Gesellschaft derart auf das Bruttosozialprodukt fixiert sei, daß sie in Haushalt und Kindererziehung, Eigenarbeit und Freundschaftsdienst, Gemeindekultur und Bürgertätigkeit keine Wertschöpfung erkennen könne. Dabei hätten Untersuchungen an den Tag gebracht, daß sich 30 bis 50 Prozent der gesellschaftlichen Arbeit, typischerweise von Frauen getragen, in diesem informellen Bereich abspielten. Dabei stelle die Kultur nichtkommerzieller Tätigkeiten das eigentliche Fundament der Wertschöpfung dar, auf das Büro und Fabrik erst aufbauten. Die Frage, wie soziale Sicherheit und ein angenehmes Leben ohne wachsende Wirtschaft möglich sein könnten, beantwortet Sachs mit dem Hinweis, Recht, Land, Infrastruktur und Geld müßten so eingesetzt werden, daß die Bürger viele Dinge in Selbsttätigkeit und in freier Trägerschaft tun könnten. Die wichtigste Ressource sei dabei allerdings frei verfügbare Zeit. "Nur wer das Recht hat, einen Teil seines Einkommens gegen freie Zeit einzutauschen, kann es sich leisten, an Selbsthilfe zu denken." Im übrigen redet Sachs der Eleganz der Einfachheit das Wort. Man müsse sich klarmachen, daß der Weg zu einem gelungenen Leben nicht über die Anhäufung von Reichtümern führe. Dabei müsse man nicht von Masochismus getrieben sein. Denn das Gegenteil von einem einfachen Lebensstil sei keineswegs das luxuriöse, sondern "das zerfaserte Leben". Eine Überzahl von Dingen verstopfe den Alltag, zerstreue die Aufmerksamkeit, verzettele die Energien und schwäche die Kraft, eine klare Linie zu finden. "Die Zersplitterung des Geistes ist die Gefahr, die im Überfluß steckt." Schon der amerikanische Schriftsteller Henry David Thoreau (1817-1862) habe in sein Tagebuch gekritzelt: "Ein Mensch ist reich in Proportion zu den Dingen, die sein zu lassen er sich leisten kann." 1995-07-29.